N O T I Z E N Z U R C O R P O R A T E C U L T U R E / 13
Selling democracy?
Die Tiktokisierung der politischen Kommunikation
The Medium is the Message.
(Marshall McLuhan)
Kürzlich nahm ich an einer Konferenz zur Verbesserung der Politischen Kommunikation teil. Präsentiert wurde eine Studie zum Mediennutzungsverhalten junger Menschen. Titel: How to sell democracy. Der Befund: Etwa die Hälfte der 16- bis 27-Jährigen in Deutschland beziehen ihre politischen Informationen ausschließlich über Tiktok oder Instagram. Die Konsequenz daraus, hierin waren sich die Konferenzteilnehmer schnell einig, müsse sein, dass die demokratischen Parteien diese Kanäle verstärkt nutzen, um die junge Generation zu erreichen und für die Teilnahme an der politischen Meinungsbildung zu gewinnen. Das klingt erst einmal logisch. Im Medien-Mix der politischen Kommunikation soll Social Media einen wichtigeren Platz einnehmen als bisher. Der für das Fortbestehen unserer Demokratie existenziell wichtige deliberative öffentliche Diskurs wird medientechnisch modernisiert.
Ist es wirklich so einfach? In welche Form müssen politische Inhalte gebracht werden, um von den jungen Zielgruppen akzeptiert oder wenigstens wahrgenommen zu werden? Zitat aus der Studie: „Selfies performen reichweitenstark, Tanzen … nicht. Lassen sich komplexere Botschaften überhaupt in diese (Bild-) Formate zwängen? Könnten Selfies womöglich nicht nur als mehr oder weniger unterhaltsame Selbstdarstellungen sondern ebenso als übergriffige Grenzüberschreitungen zwischen Privatem und Öffentlichem erlebt werden?
Auf die letzte Frage hatte übrigens die Referentin der Studie in der anschließenden Diskussion eine – für mich, zugegeben, etwas verblüffende – Antwort: sie sehe gar keine Grenzüberschreitung, weil ja Tiktok und Instagram dem privaten Raum zuzurechnen seien.
Vor über 60 Jahren beschrieb Marshall McLuhan, der Prophet unter den Medientheoretikern, wie uns, wenn wir nicht aufpassen, die Digitalisierung in eine Dorfgesellschaft zurückverwandelt, „mit Stammestrommeln, totaler Abhängigkeit und überlagernder Koexistenz“. Weil in dieser parzellierten Welt alles immer alle zugleich betrifft und niemand sich wirklich ins Private zurückziehen kann, ist Anspannung und Furcht vor dem Pranger der psychische Normalzustand.
Haben wir aufgepasst? McLuhans wichtigste Botschaft war und ist: Nur wenn unsere Reflexionsfähigkeit darüber, was Medien mit uns machen, mit dem Schritt hält, was technisch ermöglicht und konsequent vermarktet wird, haben wir eine zivilisatorische Chance.
Mein Eindruck: Das Verhältnis von privater und digitaler öffentlicher Kommunikation ist auch bei professionellen Akteuren teilweise erschreckend unreflektiert geblieben. Die Etikettierung von Tiktok und Instagram als Privatsphäre (s.o.) legt davon Zeugnis ab.
Das Strafgesetzbuch wiederum fasst die Sozialen Netzwerke einseitig als öffentliche Medien. Was der Einzelne dort postet – und sei seine Comunity noch so abstrus oder unbedeutend – gilt allemal als öffentlich. Die Einführung des „Politikerbeleidigungs-Paragrafen“ (§ 188 StGB), hat seit 2021 nicht nur zu teils bizarren Ermittlungen geführt (z.B. die sog. „Schwachkopf-Affäre“ um Robert Habeck), sondern hat möglicherweise genau deshalb einen kontraproduktiven Effekt ausgelöst, weil sich die Netz-Pöbler in ihrer jeweiligen Dorfgemeinschaft als Local Heroes feiern lassen können, wenn ihre kleine Stammestrommel den ganz großen Auftritt bekommt.
Wer sich als Beleidigter auf das Niveau der Beleidiger begibt, findet sich unweigerlich in einem Unter- oder Überbietungswettbewerb algorithmisch verstärkter Peinlichkeiten wieder. Ricarda Langs Stinkefinger signalisiert unfreiwillig ihre Teilnahmebereitschaft an dieser Abwärtsspirale.
Im Dorf kann sich keiner wegducken. Wer sich nicht impfen lässt, kommt an den Pranger. Private Gründe gelten nicht. Schweigen ist keine Option. Der Mainstream verlangt das öffentliche Bekenntnis. Der Confessionalismus hat die Drogeriemärkte erreicht. Hinter der penetranten Politisierung des Privaten lauert die Gefahr der totalitären Deformation des öffentlichen Diskurses.
Etwas weniger hochtrabend ausgedrückt: Etwas mehr Souveränität, bitte! Wenn sich jemand mit seiner privaten Botschaft in die öffentlichen Diskurs-Räume verirrt hat, könnten die politischen Akteure mit augenzwinkernder Gelassenheit statt mit Empörung reagieren – so wie in vitalen Familien bei der Kaffeetafel mit dem peinlichen Onkel/der peinlichen Tante umgegangen wird. Das würde ermöglichen, Pöbler und Beleidiger in der Luft hängen zu lassen, anstatt ihren Sprach- und Gedanken-Müll zum Offizialdelikt aufzuwerten.
Durch die kommunikationswissenschaftliche Brille betrachtet, könnte man die geistige Herausforderung, vor die uns die Parzellierung und Miniaturisierung der Social Media stellt, vielleicht so beschreiben: Wir wenden mehr oder weniger reflexhaft unser Repertoire an Kommunikations- und Verhaltensmustern an, das sich für uns auf der Mikro-Ebene entwickelt und bewährt hat. Für die Auftritte auf der großen Bühne reicht das manchmal nicht. Die Überschneidung von privater und medienöffentlicher Kommunikationskompetenz beschäftigt die politisch interessierten Denker schon etwas länger. Jürgen Habermas zum Beispiel spricht inzwischen eher ratlos von einem Dilemma im Neuen Strukturwandel der Öffentlichkeit. Das Internet könne einerseits, was einmal die große Hoffnung der Diskurs-Anhänger war, als Treiber und Enabler der deliberativen Öffentlichkeit fungieren – oder aber als deren Totengräber.
In den Echokammern der Communities selbst herrscht ganz überwiegend eine Art basisdemokratisch-kantonales Selbstbild vor: Wir pflegen hier einen lebendigen nachbarschaftlichen Austausch. Jeder darf und soll mitmachen.
Da aber die Rückbindung an den argumentgetriebenen „großen“ Diskurs aus vielerlei Gründen, z.B. mangelnde intellektuelle oder sprachliche Qualität, schwierig ist oder auch schlichtweg verweigert wird, können kritische Feedbacks von außen entweder gar nicht oder nur als Bedrohung wahrgenommen werden; die Chancen für etwaige Bemühungen um Anschlussfähigkeit tendieren gegen null.
Das Streben nach medialer Reflexionsfähigkeit im Sinne von McLuhan könnte aus meiner Sicht mit folgenden Fragestellungen für die Akteure der politischen Kommunikation beginnen:
Grundsätzlich:
Wo sage ich was? Was sagt meine Medienauswahl über meine Vorstellung von deliberativer Demokratie aus? „Dabeisein ist alles“ kann wohl nicht die Maxime sein!
Jungwähler-spezifisch:
Wen genau erreiche ich mit Instagram und Tiktok? Mein Eindruck ist: Bei Menschen ab Mitte zwanzig nimmt die Attraktivität der Bildchen und Video-Schnipsel massiv ab und das Interesse für „erwachsene“ Formate stetig zu. Die Selfies verfangen also allenfalls bei der Kohorte der Erstwähler. Unterkomplexe politische Botschaften von Polit-Bloggern sind für die Jungen dann irgendwann genauso peinlich wie Politiker, die auf Tiktok tanzen. (Es wäre interessant, einmal bei den älteren Wählern der demokratischen Parteien nachzufragen, ob sie den grassierenden Social Media-Eifer vielleicht als Zeichen eines Substanzverlustes und als Frustrations-Potenzial erleben. Dann hätte der Hype prekäre Folgen für die politische Kommunikation anstatt sie zu bereichern).
Und schließlich:
Wenn es stimmt, dass ein argumentgestützter Diskurs als das konstituierende Element der Demokratie wirkt, sollten wir Mindest-Standards für seine gedankliche und sprachliche Qualität verabreden und einhalten. Ob die Waren-Metapher Selling Democracy dem gerecht wird, sei dahingestellt. Und wenn wir schon in der Vertriebs-Logik denken, sollten wir darauf achten, dass wir unser Produkt nicht verramschen.
Es geht ja um Neukundengewinnung und Kundenbindung. Das erreicht man eher nicht im Ausverkauf.
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* „Verständnisfragen“ werden manchmal bei Veranstaltungen gestellt, um zu Wort zu kommen, obwohl Fragen eigentlich nicht zugelassen sind. Die Veranstaltung, in der wir uns alle zusammen gerade befinden, scheint zu diesem Typus zu gehören. Fragen sind unerwünscht, lästig, halten nur den Betrieb auf. Der Schriftsteller Bodo Kirchhoff hat es schon 2009 so formuliert: Es bleibt keine Zeit mehr für Fragen, es reicht nur noch für Antworten. Ich nehme mir gerne ab und zu mal Zeit für Fragen zu aktuellen Themen und für (gerne auch Ihre!) Antworten.

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