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Newsletter 17/26

N O T I Z E N  Z U R  C O R P O R A T E   C U L T U R E / 17

Verbarrikadiert in der Wagenburg?

 

Wie Friedrich Merz die zweite Stufe der Reaktanz zündet

und die CDU ihr konservatives Kapital verspielt

 

(Lesedauer: 2-3 Minuten)

 

Nach der Wahl in Sachsen-Anhalt war häufig von den gebrochenen Wahlversprechen des Bundeskanzlers als Ursache für das desaströse Abschneiden der CDU die Rede. Gemeint waren unterschiedliche Aussagen vor und nach der Bundestagswahl zur Schuldenbremse und in der Energiepolitik. Dies habe zu einem Glaubwürdigkeitsverlust geführt und den Wahlkampf erschwert.

Fast alle Diskussionen nach der Landtagswahl kreisten um diese Themen, einschließlich der üblichen Verbesserungsvorschläge – „Kompromisse in der Reformpolitik besser erklären“, „Alltagssorgen der Menschen ernster nehmen“ etc.

Ich glaube, dass die Wählerwanderung von der CDU zur AfD (83.000 Stimmen) und der krasse Unterschied in der Nichtwähler-Mobilisierung (CDU 30.000, AfD 170.000 Stimmen) mit dem Bruch eines anderen Wahlversprechens besser erklärbar sind.

Friedrich Merz hatte im Bundestags-Wahlkampf einen Kultur- und Politikwechsel ausgerufen. „Links ist vorbei.“ Der ist für viele Menschen nicht zu erkennen.

Angela Merkels Kurs der Anpassung an das links-grüne Milieu der urbanen Eliten und der öffentlichrechtlichen Medien- und Kulturszene blieb so lange wahl-arithmetisch folgenlos, wie die bürgerlichkonservativen Wähler die ihnen zugedachte Rolle des passiven Beobachters mehr oder weniger zähneknirschend akzeptierten.

Die Duldung schlug in Reaktanz um, als die emotional grundierten Entscheidungen der rationalistischen Physikerin für den Atomausstieg und für die Grenzöffnung das Land offensichtlich in zwei große Krisen führten und das bevormundende Gebaren („alternativlos“) der ostdeutschen Kanzlerin vor allem in den neuen Bundesländern üble Erinnerungen weckte.

Wenn Friedrich Merz nun in seiner Bundestags-Brandrede nach dem AfD-Sieg in Sachsen-Anhalt die antifaschistische Keule schwingt, trifft er damit fast die Hälfte der Wähler – und zündet eine neue Stufe der politisch-kulturellen Reaktanz.

Dass CDU-Politiker für die kulturelle Dimension ihres Niedergangs nach wie vor unempfänglich sind, ist vielerorts zu beobachten. Ein Beispiel: Der Oberbürgermeister-Kandidat der CDU in Hannover, einer Stadt mit grün-rot geprägtem Lokalkolorit positionierte sich im Kommunalwahlkampf gegenüber der Wirtschaft als „eher links“ – und damit als Zählkandidat.

Das für die CDU zu hebende Potenzial an demokratisch-konservativen Wählern scheint schon jetzt ungleich größer als die vage Aussicht, noch vereinzelte Wechselwähler aus dem rot-grünen Lager zu gewinnen. Viel dringlicher und langfristig interessanter wäre es, die Signale zur Kenntnis zu nehmen und richtig zu deuten, die die junge Generation sendet. Die Nachwuchs-Organisationen der CDU plädieren vehement für einen kulturellen Politikwechsel, der die Brandmauer als Endpunkt einer Sackgasse begreift. An den Hochschulen nimmt nach meinem Eindruck die Zahl der Studierenden deutlich zu, die das woke- Klima uncool finden und sich von pro-palästinensischen, antisemitischen und „Antifa“-Aktivisten bevormundet fühlen.

Die AfD ist derzeit wegen ihres völkischen Gedankenguts, aber auch wegen ihrer prorussischen, antiwestlichen Ausrichtung keine Alternative für konservative Wähler, gleichgültig, ob jung oder alt. Das könnte sich in dem Moment ändern, wenn die Partei sich „melonisiert“, d.h., dem international erfolgreichen rechtspopulistischen Mainstream anpasst. Von vielen Ostdeutschen ist zu hören, dass sie die AfD nicht wegen, sondern trotz Höcke & Co gewählt haben.

Die entscheidende Frage wird sein: Welchen Anteil am konservativen Wähler-Reservoir kann die CDU bis dahin noch zurückgewinnen? In der Wagenburg, gemeinsam mit den Kräften links der Mitte, wird das Überleben schwer. Das Schicksal der italienischen Christdemokraten sollte als Warnung dienen.

 

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* „Verständnisfragen“ werden manchmal bei Veranstaltungen gestellt, um zu Wort zu kommen, obwohl Fragen eigentlich nicht zugelassen sind. Die Veranstaltung, in der wir uns alle zusammen gerade befinden, scheint zu diesem Typus zu gehören. Fragen sind unerwünscht, lästig, halten nur den Betrieb auf. Der Schriftsteller Bodo Kirchhoff hat es schon 2009 so formuliert: Es bleibt keine Zeit mehr für Fragen, es reicht kaum noch für Antworten. Ich nehme mir gerne ab und zu mal Zeit für Fragen zu aktuellen Themen und für (gerne auch Ihre!) Antworten.

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