Newsletter 16/26

August 7, 2026

Home Blog Beiträge Newsletter 16/26

Exemple

Newsletter 16/26

N O T I Z E N  Z U R  C O R P O R A T E   C U L T U R E / 16

„Brandmauer“ „Umvolkung“ „Klimakatastrophe“

Angstkommunikation als Politik-Ersatz?

 

(Lesedauer: 6-7 Minuten)

Keine Emotion beraubt den Geist
so vollständig von seinen Möglichkeiten
zu handeln und zu denken wie die Angst.
Edmund Burke

 

Furchtappelle haben in der Parteien-Werbung Tradition. Die Ängste, die die CDU im Wahlkampf 1953 schüren wollte, konterte damals die SPD mit ihrem Slogan „Friede und Sicherheit durch Verständigung – nicht Kriegsgefahr durch Wettrüsten!“

Unter den historischen Beispielen der politischen Angstkommunikation ist das „Daisy“-Video aus dem Präsidentschafts-Wahlkampf in den USA von Lyndon B. Johnson gegen seinen Herausforderer Barry Goldwater (1964) berühmt-berüchtigt. Es zeigt ein kleines Mädchen, das Blütenblätter zählt. Dann setzt ein militärischer Countdown ein – und eine Atombombe explodiert. Die Botschaft war klar: Goldwater würde die Welt in den Atomkrieg führen.

Furchtappelle sind Botschaften, die Einstellungen und Verhalten der Adressaten zu beeinflussen versuchen, indem sie – durch Androhung negativer Konsequenzen – irrationale Ängste schüren und dann eine Handlungsempfehlung zur Abwendung der Bedrohung aussprechen („Wenn du nicht X tust, passiert Y – also tu besser X!“).

In der Wirtschaftswerbung gilt Angstkommunikation als überholt, weil unwirksam oder sogar kontraproduktiv. In der Politik erfreut sie sich neuer Beliebtheit. Interessant ist das Phänomen

nicht nur aus kommunikations- und medienwissenschaftlicher Sicht, sondern vor allem deshalb, weil dieser scheinbare Anachronismus etwas über den aktuellen Zustand unseres öffentlichen Diskurses mitteilt.

(Antiraucher-, Anti-Alkohol, Anti-Aids-Kampagnen) eingesetzt – und zunehmend eben auch wieder in der parteipolitischen Kommunikation, manifestiert z.B. in der „Brandmauer“-Metaphorik gegen die AfD: Wenn du diese Partei, wählst, stürzt du Deutschland ins faschistische Verderben – also wähle besser die „Parteien der Mitte“. (Der inflationäre Gebrauch des Etiketts „faschistisch“ zur Stigmatisierung „rechter“ Positionen verweist meines Erachtens auf ein fragwürdiges historisches Framing, aber das soll hier nicht weiter erörtert werden – es geht vielmehr um das zugrunde liegende, weit verbreitete kommunikative Missverständnis.)

Nach dem AfD-Parteitag in Erfurt bilanzierte die Neue Zürcher Zeitung lapidar:

Noch nie gab es in Deutschland so viel «Kampf gegen rechts», so viel «antifaschistischen» Aktivismus, so viel staatlich finanzierte «Demokratieförderung», so viel «engagierten» Journalismus und so viel ostentative Empörung wie jüngst – und nie zuvor gab es so viele rechte Wähler.[1] 

Die „Brandmauer“ und die ihr gedanklich vorausgesetzte Drohkulisse „Weimarer Verhältnisse“/ „Faschismus“ führt nicht zur Abschreckung  sondern zur Reaktanz bei einer immer größeren (Wähler-) Gruppe gegenüber den als unglaubwürdig wahrgenommenen Absendern.

 

Misslingende Kommunikation

In einer umfangreichen Meta-Analyse zu Furcht-Appell-Studien wurde im Jahr 2000 eine Korrelation zwischen „Überdosierung“ und Reaktanz festgestellt. Der Glaube, dass Höherdosierung in jedem Fall zur Heilung führe gilt in der Medizin als potenziell tödlicher Irrtum. In der Kommunikation ist er weit verbreitet (das Viel-hilft-viel-Syndrom).

Angstkommunikation, z.B. in der Tabakwerbung führt nicht zur Einsicht sondern zum Widerstand: Je drastischer die Warnung, desto eher lehnt das Publikum sie ab. Der gefürchtete Bumerang-Effekt setzt dann ein, wenn die beabsichtigte Stigmatisierung der Raucher nicht nur ins Leere läuft sondern von den eigentlichen Adressaten als Bevormundung und Einengung des eigenen Handlungsspielraums erlebt wird – und damit das Vertrauen in den Absender dauerhaft beschädigt.[2]

Die mündigen Mediennutzer werden durch Angstkommunikation nicht nur in ihrer Wahl-Autonomie eingeschränkt, sondern könnten sich auch intellektuell unterfordert fühlen. Womöglich reflektieren die Eltern unter den Adressaten ihre Erfahrungen mit fehlgeschlagenen Furchtappellen in der Kindererziehung. Und womöglich fühlen sie sich ihrerseits durch Politiker infantilisiert und reagieren genau deshalb ähnlich widerborstig wie ihre Sprösslinge. Sie tun genau das Gegenteil von dem, was von ihnen erwartet wird. Sie wählen nicht X, weil sie Y als übertriebene Drohkulissen durchschauen.

Ähnliche Erfahrungen – Unwirksamkeit, Trotzreaktion und Akzeptanzverlust – haben wohl auf der kommunikativen Mikro-Ebene etliche Fußball-Trainer, Pädagogen, und Chefs gemacht, weshalb diese Beeinflussungs-Methode auch hier eher auf dem Rückzug zu sein scheint.

Angstkommunikation erfüllt fast alle Kriterien aus Paul Watzlawicks berühmter Favoriten-Liste für das Misslingen von Kommunikation:

– Einschränkung der Autonomie des Adressaten,
– Das Mehr-desselben-Prinzip (vulgo: Viel-hilft-viel)
– Erzeugung von Schuldgefühlen,
– Unterstellung von Zuschreibungen,
– Einschränkung von Wahlmöglichkeiten.

 

Panikmache und Populismus
Furcht-Appelle als Grundmuster durchziehen seit Jahren auch die Kampagnen zur Rettung der Welt vor der Klima-Katastrophe. Der Dramaturg Bernd Stegemann beschreibt treffend, wie die Inszenierung von Angst die politische Kommunikation über den Klimawandel prägt:

Greta Thunberg hat das unübersichtliche Gesamt von Globalisierung, Klimawandel und Ideologie in einem einzigen Gefühl zusammengefasst (…), und sie nimmt dazu nicht irgendein Gefühl, wie es z.B. die Sorge oder der Zweifel sein könnten, sondern sie greift zum Ausnahmezustand des Gefühls, der Panik (…). In der politischen Kommunikation nennt man diese Rhetorik Populismus.(Hervorh.: G.W.)[3]

Stegemann markiert die populistische Ausbeutung von Ängsten als ideologieübergreifende politische Praxis. Das ist wichtig, weil sich im medialen Mainstream hierzulande die Gleichsetzung „Populismus = rechts“ durchgesetzt hat. Zwar ist die Entstehung des  Populismus historisch untrennbar mit dem italienischen Faschismus und dessen Führer Benito Mussolini verbunden, aber die Angstkommunikation als konstituierendes Element rechts-autoritärer Politik wird seither von politischen Ideologien und Demagogen jeglicher Couleur als Einschüchterungs- und Machtstrategie benutzt.

Ob rechte Parteien die Angst vor Überfremdung schüren (AfD-Politiker schwadronieren von der angeblich drohenden „Umvolkung“) oder Umwelt-Aktivisten apokalyptische Szenarien beschwören: Stets geht es darum, Ängste zu mobilisieren, sich selbst als Retter aus der tatsächlichen oder vermeintlichen äußeren Bedrohung zu stilisieren und etwaige Abweichler als Dummköpfe zu diskriminieren oder gar als Feinde zu brandmarken. Der (beabsichtigte oder unbeabsichtigte) politische Effekt Ist die Beschädigung, im schlimmsten Fall die Zerstörung des demokratischen öffentlichen Diskurses.

 

_______________________

* „Verständnisfragen“ werden manchmal bei Veranstaltungen gestellt, um zu Wort zu kommen, obwohl Fragen eigentlich nicht zugelassen sind. Die Veranstaltung, in der wir uns alle zusammen gerade befinden, scheint zu diesem Typus zu gehören. Fragen sind unerwünscht, lästig, halten nur den Betrieb auf. Der Schriftsteller Bodo Kirchhoff hat es schon 2009 so formuliert: Es bleibt keine Zeit mehr für Fragen, es reicht kaum noch für Antworten. Ich nehme mir gerne ab und zu mal Zeit für Fragen zu aktuellen Themen und für (gerne auch Ihre!) Antworten.

[1] NZZ Online vom 07.07.2026

[2] Handbuch Werbeforschung, Wiesbaden 2016, S. 494

[3] Stegemann, Bernd: Die Öffentlichkeit und ihre Feinde, Stuttgart 2021, S. 224ff

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert