wuerzbergs verständnis fragen

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N O T I Z E N  Z U R  C O R P O R A T E   C U L T U R E / 8

Selbstgewissheit statt Gewissen.
Drei Anmerkungen zur aktuellen „Moral-Thematik“ der Autobranche und ihrer Ankläger

 

Die deutsche Automobilindustrie steht seit Jahren am Pranger. Der aktuell erhobene Kartell-Vorwurf ist nicht nur das Resultat einer investigativen journalistischen Recherche, sondern ganz offenkundig auch Teil einer strategisch angelegten Medienkampagne. Für mich ein Anlass, über einige zugrundeliegende wirtschafts- und unternehmensethische Fragen nachzudenken.

1. Wer ist eigentlich das moralische Subjekt, das für die nachgewiesenen oder vermeintlichen Verfehlungen verantwortlich zu machen wäre? In den Medienberichten werden gern die Köpfe der Vorstandvorsitzenden von Volkswagen oder Daimler präsentiert. Ein VW-Manager sitzt seit Monaten in US-amerikanischer Untersuchungshaft, weil er die kalifornische Umweltbehörde über eine betrügerische Software in den Diesel-Motoren des VW-Konzerns getäuscht haben soll. Ob diese Personen im juristischen Sinne schuldig sind wird sich herausstellen. Da gibt es, zumal im internationalen Maßstab eine breite Grauzone. Aber: Fühlt sich, z.B. bei Volkswagen, irgendjemand moralisch schuldig? Ich denke nicht.
Wie auch: Der Homo Oeconomicus – und damit die immer noch dominierende Leitfigur in der Ausbildung der heutigen Manager-Generation – kennt keine Moral. Die „Persona Oeconomica“ (Annette Kleinfeld 1998) ist zumindest in den Automobilkonzernen noch längst nicht angekommen.
Moral ist Ich-gebunden. Die Tugendforderungen der aufgebrachten Öffentlichkeit finden somit keine wirklichen Adressaten. Sie laufen auch deshalb ins Leere, weil in der Internet-Gesellschaft die Entkoppelung des Managementhandelns vom Gewissen im Grunde der allgemeinen Erwartung und Praxis entspricht.
In der Netz-Community erfolgt die moralische Selbst-Vergewisserung „ohne die Innerlichkeit der Gewissheit aus dem Gewissen… Das Gewissen wandelt sich in eine Form der kommunikativen Vergewisserung“ (Birger Priddat, Homo Dyctos, 2014). Der ehemals innerliche Raum der moralischen Selbstreflektion wird gleichsam in die mediale Öffentlichkeit outgesourct. Eine ethisch-moralische Rückbindung an den einzelnen Wirtschaftsakteur findet kaum noch statt. Das verhindert nicht, dass alle Kommentatoren und Beobachter im höchsten Maße persönlich empört sind. Im Gegenteil.

2. Brauchen wir noch mehr Compliance-Anstrengungen? Gerade in den jetzt angeprangerten Unternehmen hat es ganz sicher nicht an Compliance-Regeln gefehlt. Aufsicht und Kontrolle sind notwendig, lösen aber nicht das eigentliche Problem. Die Ideologie der technisch-organisatorischen Steuerbarkeit aller, auch der sozialen und kulturellen Prozesse führt letztlich in die jetzt zu besichtigenden unternehmensethischen Sackgassen. Wenn Mark Zuckerberg munter drauflos schwadroniert, es gebe ein „fundamentales mathematisches Gesetz, das sozialen Beziehungen zugrunde liegt“, dann drückt sich darin eben nicht nur das Selbstverständnis des erfolgsverwöhnten Algorithmus-Unternehmers aus, sondern auch eine – nicht nur im Silicon Valley – weitverbreitete technoide Hybris und ein antihumanistisches Menschenbild.
Das Ethische in der Wirtschaft könne nicht durch Organisationsveränderungen ersetzt und überflüssig gemacht werden, formulierte Peter Koslowski vor dreißig Jahren. Er schrieb der Ideologie der Marktüberhöhung die Schuld dafür zu, dass „der Ursprung des Bösen oder Mangelhaften immer in einem nichtmoralischen Irrtum oder einem bloßen Organisationsfehler“ gesucht werde.
Compliance? Schön und gut – aber es kommt letztlich auf den Willen des moralisch verantwortlichen Einzelnen an!

3. Die Konzeption der Diskursethik erfreut sich auch unter Journalisten seit ihrer Ausformulierung durch Jürgen Habermas in den achtziger Jahren großer Beliebtheit. Ihr Grundgedanke ist die Herbeiführung von Gerechtigkeit und Solidarität durch die Teilnahme möglichst vieler an einem gesellschaftlichen Diskurs. Voraussetzung für das Gelingen ist, dass alle Teilnehmer sich (zumindest implizit) zur Einhaltung der Diskursregeln verpflichten. An die Stelle der moralischen Autonomie und Selbstverpflichtung des Einzelnen setzt Habermas die Verpflichtung auf den Prozess des Aushandelns von Normen. An die Stelle des moralischen tritt der politische Wille (der Mehrheit). Maßstäbe oder gar Handlungsorientierungen für die Beantwortung konkreter moralischer Fragen, z.B. im Unternehmensalltag gibt die Diskursethik nicht her. „Die Annahme, dass konkrete moralische Fragen durch einen realen Diskurs entschieden werden können oder gar sollen, erscheint nicht nur unbegründet, sondern auch abwegig“ (Ernst Tugendhat 1993). Es verwundert also nicht, dass die Diskursethik eher in der politisch getriebenen Medienarena Karriere gemacht hat als in der Unternehmenspraxis. Allerdings scheint das Ideal einer universellen Argumentationsgemeinschaft selbst als politisches Programm unter den Bedingungen der weitgehend argumentfreien Social Media-Kommunikation und ihrer berüchtigten Echokammern im Moment gerade zu versagen.

In der aktuellen Auseinandersetzung um das fragwürdige, in Teilen wohl kriminelle Agieren von Automobilherstellern spielt die diskursethische Prägung von Politikern und Journalisten insofern eine Rolle, weil die Teilnahme am „großen Ethik-Diskurs“ vor den Mühen schützt, die derjenige auf sich nehmen müsste, der sich auf die für Unternehmen relevanten, konkreten moralischen Fragen einlassen würde. An der vom SPIEGEL initiierten „Verdachtsberichterstattung“ lässt sich überdies gut beobachten, dass das Diktum von Birger Priddat auch auf etliche Medienakteure zutrifft:
Kommunikative Selbstvergewisserung, hier und da auch mit einem Schuss Ideologie und einer guten Portion Selbstgerechtigkeit gewürzt, ersetzt das gute alte Gewissen, das früher einmal die guten (auch: investigativen!) Journalisten zur Einhaltung berufsethischer Standards ermächtigt hatte.

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* „Verständnisfragen“ werden manchmal bei Veranstaltungen gestellt, um zu Wort zu kommen, obwohl Fragen eigentlich nicht zugelassen sind. Die Veranstaltung, in der wir uns alle zusammen gerade befinden, scheint zu diesem Typus zu gehören. Fragen sind unerwünscht, lästig, halten nur den Betrieb auf. Der Schriftsteller Bodo Kirchhoff hat es 2009 so formuliert: Es bleibt keine Zeit mehr für Fragen, es reicht nur noch für Antworten. Ich nehme mir gerne einmal im Monat Zeit für aktuelle Fragen und für (gerne auch Ihre!) Antworten.

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