N O T I Z E N Z U R C O R P O R A T E C U L T U R E / 14
Sind die AFD-Erfolge durch bessere Argumente zu verhindern?
Contenutismo
(In Italiens Kunstszene geläufiger
Begriff für die einseitige Fixierung
auf den Inhalt zulasten von Form/Kontext)
Die Reaktion der Verlierer am Wahlabend kommt reflexartig. Sie war gerade wieder in Stuttgart und Mainz zu beobachten. „Wir sind mit unseren Argumenten/Botschaften/Inhalten nicht durchgedrungen. Beim nächsten Mal müssen wir unsere Politik besser erklären…“
Und für die Zurückgewinnung der schon wieder in Scharen zur AFD abgewanderten Wähler wird – ähnlich stereotyp – die Losung ausgegeben: Beharrlich argumentieren, durch Inhalte überzeugen! Wenn ausnahmsweise mal von „verbesserungsfähiger Kommunikation“ gesprochen wird, dann sind damit meist stärkere Werbeanstrengungen für das eigene Programm gemeint.
Was aber, wenn die Fixierung auf Themen, Begriffe und Inhalte das Problem nicht lösen sondern verschärfen würde? Wenn die Argumente nicht nur ins Leere liefen sondern ihre ständige Wiederholung dauerhafte Ablehnung erzeugen würde?
Jeder kennt die eigentlich triviale Kommunikationsregel, wonach eine Verständigung auf der Sach-/Inhaltsebene nicht gelingen kann, wenn die Beziehungsebene gestört ist.
Zum Beispiel ist ein Mindestmaß an gegenseitigem Vertrauen Voraussetzung für die Bereitschaft sich Argumente überhaupt anzuhören. Ob diese Voraussetzung bei den abgewanderten Wählern gegeben ist, darf bezweifelt werden. In Bezug auf die AFD-(Neu-)Wähler drängt sich das Bild auf: Die Verlassenen predigen gegen eine Misstrauens-Wand, die sie selbst errichtet haben. Hinter der Wand haben sich diejenigen versammelt, die vielleicht schon vorher, auf der anderen Seite, mangels Vertrauens nicht zuhören wollten und jetzt gar nichts mehr hören können.
Die Verkennung oder Leugnung der Beziehungsprobleme lässt nicht nur die sachbezogene Kommunikation zwischen Politiker und Wählerpotenzial scheitern, sondern erzeugt noch einen weiteren unerwünschten Zusatz-Effekt.
Es entsteht die Dynamik, die der berühmte Kommunikationspsychologe Paul Watzlawick einst anschaulich als das Mehr-desselben-Rezept (vulgo: Viel hilft viel) beschrieben hat – eine Art blinder Wiederholungszwang: Die Lage wird immer schwieriger, der Leidensdruck steigt, und als einziger Ausweg erscheint die Maximierung der eigenen Anstrengungen. Man wendet also mehr derselben „Lösung“ an und erreicht damit genau mehr desselben Elends.[1]
Das Viel-hilft-viel-Missverständnis in der beeinflussenden Kommunikation
In einer instabilen oder gestörten Beziehung zwischen Sender und Empfänger wächst durch die Wiederholung von Botschaften bis zum Überdruss („ad nauseam“) das Risiko des vollständigen Kommunikations-Abbruchs.
Aus der Unternehmenskommunikation ist das „Gebetsmühlen-Syndrom“ wohlbekannt: Je penetranter der Chef die immer gleichen Botschaften wiederholt, desto mehr Mitarbeiter schalten auf Durchzug oder kündigen innerlich.
Die Adressaten sind selten unterinformiert. Sie fühlen sich oft als Kommunikationspartner unterschätzt und verweigern sich. Die Kommunikationsforschung spricht von Reaktanz und beschreibt damit eine Art Blindwiderstand, an dem Argumente abprallen. Um Reaktanz als Folge misslungener Kommunikation zu verstehen, lohnt sich ein Blick in die Produktwerbung:
Es macht einen erheblichen Unterschied, ob ein Kunde die Werbebotschaften eines Anbieters situativ ablehnt, weil ihm das Produkt nicht zusagt – oder ob er den Anbieter/die Marke dauerhaft abwählt. Zum Beispiel, weil er die Werbung für übergriffig hält oder weil er dem Anbieter misstraut. Erhöhter Werbedruck wirkt im zweiten Fall kontraproduktiv als Langzeit-Booster für die Total-Verweigerung. (Dass die Werbeszene dieses Phänomen eher selten thematisiert, erstaunt nicht, weil die Viel-hilft-viel-Philosophie für sie als lukratives Geschäftsmodell fungiert.) In der politischen Kommunikation könnte die Reaktanz-Theorie dabei helfen, den Unterschied zwischen „Protestwahl“ und dauerhaftem Abwählen zu erklären.
Der Glaube, dass Höherdosierung in jedem Fall zur Heilung führe gilt in der Medizin als fataler Irrtum. In der Kommunikation ist er weit verbreitet.
Am Tag nach der letzten Präsidentschaftswahl in den USA schrieb der Chefradakteur der Zeit, was die demokratischen Kräfte aus der Wahlniederlage lernen sollten: Ihre argumentativen Anstrengungen zur Verhinderung des Populismus müssten ein ganz anderes Ausmaß als bisher annehmen.
Die Wahlverlierer wähnen sich noch im Diskurs-Geschehen, dabei sind Teile ihres Publikums längst im Reaktanz-Modus.
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* „Verständnisfragen“ werden manchmal bei Veranstaltungen gestellt, um zu Wort zu kommen, obwohl Fragen eigentlich nicht zugelassen sind. Die Veranstaltung, in der wir uns alle zusammen gerade befinden, scheint zu diesem Typus zu gehören. Fragen sind unerwünscht, lästig, halten nur den Betrieb auf. Der Schriftsteller Bodo Kirchhoff hat es schon 2009 so formuliert: Es bleibt keine Zeit mehr für Fragen, es reicht kaum noch für Antworten. Ich nehme mir gerne ab und zu mal Zeit für Fragen zu aktuellen Themen und für (gerne auch Ihre!) Antworten.
[1] Watzlawick, Paul: Anleitung zum Unglücklichsein, München 1983, S. 29


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