wuerzbergs verständnis fragen

Auf dieser Seite finden Sie regelmäßig neue Beiträge zu Themen rund um Corporate Culture.
Zudem lade ich Sie herzlich ein, gemeinsam darüber zu diskutieren.

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Newsletter 06/17

 

N O T I Z E N  Z U R  C O R P O R A T E   C U L T U R E / 6

Die seltsame Wiederkehr der Manipulations-„Theorie“. Überlegungen zur moralisch korrekten Kommunikation

 

„Systematisch manipulierende Player, die Menschen im Netz steuern“, sagte kürzlich ein Werber von Scholz & Friends, seien am Werk. Diese Manipulatoren hätten bewirkt, dass sein Boykottaufruf gegen ein rechtsradikales Nachrichtenportal nach hinten losgegangen ist und er seinen Job verloren hat. Die ironischen bis schadenfrohen Kommentare ließen nicht lange auf sich warten. Der Täter als Opfer, selber schuld! Vielen gilt ja Werbung bis heute als Inbegriff der massenmedialen Manipulation, seitdem die 68er Studenten in ihrem Kampf gegen die „Kulturindustrie“ (Adorno/Horkheimer) hinter diesem Banner her marschierten.

In der Kommunikationsforschung gilt die Manipulationstheorie eigentlich, wie alle mechanistischen Reiz-/Reaktionsmodelle, als längst erledigt – in den moderneren Ansätzen wird dem mündigen Mediennutzer prinzipielle Wahlfreiheit zugestanden. Und bei der Analyse der beeinflussenden Kommunikation (also dem Normalfall sozialer Interaktion) ist der Begriff Manipulation für die grenzverletzenden, übergriffigen Formen der Beeinflussung reserviert. Absichtlich beeinflussende Botschaften, also z.B. Werbespots, pädagogische Anstrengungen von Lehrern oder das Wahlprogramm der XY-Partei, sind im Regelfall nicht als Manipulation zu inkriminieren.

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Pikanterweise gehören manche Werber – neben autoritären Politikern und allerlei Sekten- und Psycho-Gurus – zu der Gruppe von Kommunikatoren, die bis heute offen oder heimlich dem Mythos von der beliebigen Manipulierbarkeit des Menschen anhängen. Frédéric Beigbeder, selbst vom Werbemanager zum Romancier mutiert, hat in seinem Bestseller „39,90“ dem Omnipotenz-Junkie mit der autobiographisch gefärbten Figur des Octave ein prägnantes Denkmal gesetzt.

„Ich bin der Typ, der Ihnen Scheiße verkauft… Mmmhh, ist das geil, Ihr Gehirn zu penetrieren. Ich komme in der rechten Hälfte. Ihr Begehren ist nicht mehr Ihres: Ich zwinge Ihnen meines auf… Ich entscheide heute, was Sie morgen wollen.“ 

Warum der Scholz & Friends-Mann im aktuellen Beispiel nun in eigener Sache die antiquierte Manipulations-Keule schwingt, muss uns hier nicht weiter beschäftigen. Interessanter erscheint mir die Beobachtung, dass in der Marketingszene seit einigen Jahren die alten mechanistischen Sender-Empfänger-Modelle einschließlich der Manipulationstheorie scheinbar fröhliche Wiederauferstehung feiern. Dabei wird gerne auch die wissenschaftlich klingende Wortverbindung mit „Neuro-“ genutzt (Neuro-Marketing, Neuro Linguistic Programming etc.). Wenn der Unternehmensberater oder Verkaufstrainer als Hypnotiseur agiert, wenn der NLP-Guru seine zahlungswillige Klientel zum „Trancen“ animiert, stellen sich aus meiner Sicht mindestens zwei grundsätzliche Fragen.

1. Ist das nur lukrativer Hokuspokus oder nutzt das auch dem Kunden?

2. Wenn denn die Methode wirkt: Wo wäre die Grenze zwischen legitimer Beeinflussung und ethisch fragwürdiger Manipulation zu ziehen?

Zur ersten (cui bono-) Frage hat der langjährige Siemens-Werbechef Dankwart Rost 1993 eine bis heute gültige Untersuchung vorgelegt. In seinem Buch Pawlows Hunde. Die Legende von der beliebigen Manipulierbarkeit des Menschen räumt er überzeugend mit den Märchen rund um die „subliminale Wahrnehmung“ auf. Schon bei der ersten derartigen Kampagne zur angeblichen Verkaufsförderung von Coca Cola und Popcorn in einem New Yorker Vorstadtkino 1957 handelte es sich um einen Fake bzw. einen PR-Trick – was den Bestseller-Autor Vance Packard nicht daran hinderte, die Geschichte in seinem einflussreichen Buch Die geheimen Verführer (1969) aufzutischen, als Beweis für seine Anklage gegen die böse (Werbe-)Wirtschaft.

Die Verdrängung der Fakten durch Ideologie ist also historisch mit dem Manipulationsthema verflochten. Die gute Nachricht: Verbraucher sind durchaus zur Reaktanz gegenüber unerwünschter Beeinflussung fähig. Das sollte dann wohl auch für den NLP-Workshop-Teilnehmer gelten.

Der zweiten Frage sollten wir uns im Zusammenhang mit unserer Unternehmenskultur unbedingt stellen. Welche Prinzipien sollen für die verschiedenen Spielarten beeinflussender Kommunikation gelten? Weil unsere Kommunikationspraxis wie auch die zugrundeliegenden mentalen Modelle unsere Unternehmenskultur maßgeblich prägen, müssen wir uns entscheiden: Welche Modelle und Methoden passen, welche nicht? Unsere Unternehmensethik beruht im Kern auf unserem Bild vom Menschen – mithin auf unseren Annahmen über dessen Mündigkeit und Manipulierbarkeit.

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* „Verständnisfragen“ werden manchmal bei Veranstaltungen gestellt, um zu Wort zu kommen, obwohl Fragen eigentlich nicht zugelassen sind. Die Veranstaltung, in der wir uns alle zusammen gerade befinden, scheint zu diesem Typus zu gehören. Fragen sind unerwünscht, lästig, halten nur den Betrieb auf. Der Schriftsteller Bodo Kirchhoff hat es 2009 so formuliert: Es bleibt keine Zeit mehr für Fragen, es reicht nur noch für Antworten. Ich nehme mir gerne einmal im Monat Zeit für aktuelle Fragen und für (gerne auch Ihre!) Antworten.

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Newsletter 05/16

 

NOTIZEN  ZUR  CORPORATE  CULTURE / 5

Leitbild oder Leitbild? Schluss mit den Alibiveranstaltungen!

 

Unternehmens-Leitbilder in der heute geläufigen Form gibt es – zugespitzt formuliert –, seit  Firmen nicht mehr allein durch die Person und Autorität eines Unternehmers zusammengehalten werden können. Managementgeführte Unternehmen, aber auch andere Organisationen ab einer bestimmten Größe (nehmen wir als Schwellenwert der Einfachheit wegen mal hundert Mitarbeiter an) kanonisieren ihre Wertvorstellungen und Zukunftserwartungen, um den vielen Einzelnen einen Halt für ihre Zusammenarbeit zu geben. Wie bei allen anderen Corporate Identity-Instrumenten geht es darum, nach außen und innen wirkende, möglichst starke Symbole zu schaffen. Und wie für Corporate Identity-Vorhaben generell gilt auch hier: Ehrlichkeit hilft. Kunden wie Mitarbeiter haben ein feines Gespür für Unstimmigkeiten zwischen Auftritt und Substanz. Und die Mitarbeiter sind die Experten für den Abgleich von Innen- und Außen-Perspektive! Sie werden die (Un-) Glaubwürdigkeit, bewusst oder unbewusst, unweigerlich in ihr Umfeld und damit zu den Kunden tragen. Sowohl für die Unternehmenskultur als auch für die Fremdwahrnehmung entfalten jedenfalls unwahrhaftige Symbole verheerende Wirkungen, und es wäre wahrscheinlich besser, wenn es in diesem Fall gar kein Leitbild gäbe.

Zur Ehrlichkeit gehört auch, die Überschrift „Unser Leitbild“ nur dann zu verwenden, wenn das Leitbild partizipativ erarbeitet wurde. Und es schadet der Glaubwürdigkeit eines Leitbildes keineswegs, wenn es als unvollkommen oder lückenhaft wahrgenommen wird. In einem volatilen Umfeld, dem das neue Management-Ideal der Agilität entspricht, sollten Leitbilder nicht mehr als in Stein gemeißelte Gesetzestafeln daherkommen.

Ein modernes Leitbild vermeidet also aus gutem Grund die Ausrufung eines Kanons ewigwährender ethischer Prinzipien. Es ist mehr als Unternehmens-Philosophie und weniger als Beschwörung einer Ideal-Kultur geschrieben. Es formuliert die wesentlichen Prinzipien für die Erreichung gemeinsamer Ziele und will die Menschen in der Organisation hinter diesen Prinzipien versammeln.

Balance zu ermöglichen zwischen Selbstvergewisserung und Zukunftsoffenheit – das  wäre die Herausforderung an ein zeitgemäßes Leitbild. Anders ausgedrückt: Ein Leitbild lebt von seiner Offenheit für kontinuierlichen Aktualisierungswillen. Es gibt kein besseres Kriterium für die Vitalität einer Organisation als die akute (und natürlich lästige!) Nörgelei aller Beteiligten über die Differenzen zwischen formuliertem Anspruch und erlebter Wirklichkeit.

Leitbild oder Leidbild? Sowohl als auch! Ein LeiDTbild, über das nicht diskutiert wird, ist tot. Es hat wahrscheinlich nichts mit der realen, sondern nur mit einer fiktiven, erwünschten  Unternehmenskultur zu tun.

Aus all dem wird klar: Die Einführung eines (neuen) Leitbildes stellt  für jede Organisation eine echte Herausforderung dar. Ein neues Leitbild eröffnet einen neuen Abschnitt der Unternehmenskultur-Entwicklung. Das entsteht nicht von heute auf morgen, sondern ist ein tiefgreifender Transformationsprozess, der sich auf verschiedenen Ebenen vollzieht und daher vielfältige, intelligente Interventionen erfordert.

Das Unternehmensleitbild

  • ist eine Orientierung für gegenwärtiges und zukünftiges Handeln in einem sich ständig verändernden Umfeld;
  • bietet eine abgestimmte und stimmige Orientierung nach innen und außen für jeden Mitarbeiter; ermöglicht dem Einzelnen ein breites Feld der persönlichen Ausgestaltung seiner Arbeit und Kompetenz-Entfaltung;
  • fördert die ständige und offene Auseinandersetzung mit der Unternehmens- und Führungskultur.

Was macht ein Leitbild wertvoll? Die Faustformel lautet: 20 Prozent Inhalt / 80 Prozent (Entwicklungs- und Aktualisierungs-)Prozess. Die Qualität der Erarbeitung  – und hier insbesondere der Grad der Mitarbeiterbeteiligung entscheidet über die Akzeptanz und Wirksamkeit. Ob ein Leitbild als Selbstverpflichtung „gelebt“ wird oder nicht, kann niemals nachträglich, also losgelöst von seiner Entstehungsgeschichte, veranlasst werden.

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* „Verständnisfragen“ werden manchmal bei Veranstaltungen gestellt, um zu Wort zu kommen, obwohl Fragen eigentlich nicht zugelassen sind. Die Veranstaltung, in der wir uns alle zusammen gerade befinden, scheint zu diesem Typus zu gehören. Fragen sind unerwünscht, lästig, halten nur den Betrieb auf. Der Schriftsteller Bodo Kirchhoff hat es 2009 so formuliert: Es bleibt keine Zeit mehr für Fragen, es reicht nur noch für Antworten. Ich nehme mir gerne einmal im Monat Zeit für aktuelle Fragen und für (gerne auch Ihre!) Antworten.
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N O T I Z E N  Z U R  C O R P O R A T E   C U L T U R E / 4

Wie schütze ich mein Unternehmen vor übergriffigen Gesinnungsethikern? Warum und wie Unternehmensethik neu durchdacht werden sollte

Tierschützer überfallen Geflügelfarmen, und das Video der Aktion wird stolz auf Youtube präsentiert. „Überzeugungstäter“ rufen per Rund-Mail zu Boykott-Kampagnen missliebiger Firmen oder Produkte auf oder stellen Manager mit vermeintlich unkorrekten Wertvorstellungen erbarmungslos an den Internet-Pranger. Die Verleumdungs- und Überwachungskampagnen der „neuen radikalen“ Studenten gegen missliebige Professoren an amerikanischen (und zunehmend auch europäischen) Hochschulen tragen zunehmend totalitäre Züge. Es ist offensichtlich, dass Menschen immer weniger Hemmungen haben, ihre moralischen Werturteile anderen aggressiv aufzuzwingen – ohne sich für andere Folgen als die angestrebte Medienaufmerksamkeit verantwortlich zu fühlen. Man könnte an die Worte des großen Volkswirtes und Soziologen Max Weber von 1919 denken, als er über die Aktivisten der damaligen sozialrevolutionären Kampagnen (die er übrigens „Karneval“ nannte) sagte:

Newsletter 04/16 weiterlesen

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N O T I Z E N  Z U R  C O R P O R A T E   C U L T U R E / 3

Gibt es eigentlich immer noch Machiavellisten im Management?

Niccolò Machiavelli gehört ganz sicher seit jeher zu den (manchmal klammheimlichen) Vorbildern in der Welt der Politiker. Sein Name steht für: „Schlechte Dinge tun, um gute Ergebnisse zu erreichen“; moralische Hindernisse beiseite räumen, oder, etwas zeitgemäßer: Gute Politiker sind Pragmatiker. Oder, noch eleganter:

„… moral framing of leadership substantially oversimplifies the real complexity of the dilemmas and choices leaders confront. An essay on the 500th anniversary of the writing of Machiavelli’s The Prince noted that it is sometimes necessary to do bad things to achieve good results. For example, Nelson Mandela, Abraham Lincoln, and John F. Kennedy were above all pragmatists, willing to do what was necessary to achieve important objectives.“ (McKinsey Quarterly, January 2016)“.

Newsletter 03/16 weiterlesen

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N O T I Z E N  Z U R  C O R P O R A T E   C U L T U R E / 2

Sollen Manager Meetings schwänzen?

Wenn der Harvard Business Manager als „Management-Tipp des Tages“ empfiehlt: „So schwänzen Sie Meetings“, dann wirft das doch ein ziemlich schräges Licht auf unsere Busness Comunity, oder?

Egal, ob man darin jetzt eine ernstgemeinte Anstiftung zu subversivem Verhalten von Führungskräften sieht oder den HBM-Tipp als satirischen Kommentar zu den skurrilen Seiten unserer Unternehmenskultur hinnimmt – die Sache mit den Meetings bleibt ein Dilemma.

Newsletter 02/16 weiterlesen

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N O T I Z E N  Z U R  C O R P O R A T E   C U L T U R E / 1

Unternehmenskultur – wann, wenn nicht jetzt?

Seit Monaten dominieren ethische Themen den öffentlichen Wirtschafts-Diskurs. Deutsche Bank, Volkswagen, die Panama-Papiere. Die Empörungs-Wellen treiben die stimmungs-sensible Politik vor sich her. Investigative Journalisten-Netzwerke bedienen ihr gesinnungsethisch disponiertes Publikum mit immer neuen (aber natürlich längst erwarteten) Skandalen. Moralischer Furor trifft auf das folgenethische Kalkül der Politiker. Jeder kann besichtigen, wie, z.B., ein Verkehrsminister mit dieser Herausforderung umgeht. Aber spannend ist doch auch die Frage:

Wie kommen die (aktuell oder demnächst) betroffenen Unternehmen mit der ethisch aufgeladenen Stimmung zurecht? Grob vereinfacht, sind gegenwärtig drei Reaktions-Muster zu erkennen:

Newsletter 01/16 weiterlesen

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